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Formel 1

Formel 1: Komplett neue Regeln gegen springende Autos

Die FIA schreibt die Technische Direktive gegen Porpoising komplett um. Teams erhalten Galgenfrist bis Frankreich, dann drohen Disqualifikationen.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die umstrittene Technische Direktive TD039 gegen das starke Springen der Autos, die vor dem letzten Formel-1-Rennen in Kanada ausgesandt, aber letztendlich nicht umgesetzt wurde, wird weiter aufgeschoben. Am Donnerstag vor dem Großbritannien GP 2022 schickte die FIA den Entwurf einer B-Version ebenjener Direktive an die Teams, der eine Galgenfrist bis zum Frankreich GP einräumt.

Nach der Kritik in Montreal geht der Automobilweltverband in Silverstone deutlich vorsichtiger an die Sache heran. Die B-Version ist ausdrücklich nur ein Entwurf, der die Teams aber auf das vorbereiten soll, was ab Frankreich verlangt wird. Bis zum 12. Juli will man Feedback der Teams sammeln und auch Änderungen am Reglement vom Motorsportweltrat (WMSC) absegnen lassen.

Damit reagiert die FIA vor allem auf die Aussagen von Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der die Art und Weise der ersten Version von TD039 scharf kritisiert hatte. Technische Direktiven sollen Grauzonen des Reglements genauer definieren, nicht aber das Reglement verändern. Während die FIA selbst auf kurzem Dienstweg Technische Direktiven aussenden kann, müssen Änderungen am Reglement über verschiedene Instanzen verabschiedet und schlussendlich auch vom WMSC bewilligt werden.

Formel 1 Regeländerungen: FIA braucht mehr Daten

Die Einführung in Montreal scheiterte aber auch, weil es noch nicht ausreichend Daten gab, um einen sinnvollen Grenzwert für das Hüpfen zu definieren. Vor Silverstone haben die FIA-Ingenieure eine komplizierte Formel ausgearbeitet. Die Schläge, die der FIA-Sensor in vertikaler Richtung aufzeichnet, dürfen einen bestimmten Mittelwert nicht überschreiten.

Gemessen wird der Mittelwert in Joule pro Kilogramm pro 100 Kilometer. Provisorisch gilt als Grenzwert 10 J/kg/100km. Dieser Wert darf über eine Runde hinweg an definierten Messpunkten nicht überschritten werden. Auch hier will die FIA auf Feedback von Fahrern und Teams reagieren.

Die ersten zwei Rennrunden, In- und Outlaps, Runden hinter dem Safety Car oder unter VSC und Fahrten auf Intermediates und Regenreifen sind davon ausgenommen. Wird der Mittelwert bei einem Sprintrennen oder einem Grand Prix überschritten, wird der Fall an die Stewards weitergeleitet. Die dürfen das Auto als 'unsichere Konstruktion' einstufen und disqualifizieren.

Nur 2022: Ausnahmen für neue Formel 1 Regeln

Für 2022 gibt es noch Ausnahmen. Bei jedem Fahrer darf der Mittelwert dreimal um maximal 20 Prozent überschritten werden, ohne dass die Stewards einschreiten. Problematisch ist die Regel, weil es in absehbarer Zeit keine Live-Daten für die Teams geben wird. Auch die Sensoren selbst stehen in der Kritik, weil sie eigentlich für Unfälle gedacht und somit auf höhere Kräfte ausgelegt sind.

Neben den 'Hard-Facts' will die FIA zur Einschätzung auch andere Parameter ansehen. Helm-Kameras und Beschleunigungssensoren im Ohr des Fahrers haben keinen Einfluss auf eine mögliche Disqualifikation, helfen der FIA aber die Werte einzuschätzen.

Damit wurde die Direktive komplett umgeschrieben. Ursprünglich sollten die Teams dazu verpflichtet werden, ihr Setup zu ändern, wenn im Training zu hohe Werte erreicht werden. Davon ist nun nicht mehr die Rede. Auch die zusätzliche Strebe, die den Unterboden stabilisieren sollte, ist in der neuen Version nicht mehr erlaubt.

Neue F1-Regeln: Teams müssen Unterböden anpassen

Außerdem müssen die Teams ihre Unterböden unter Umständen anpassen. Sie müssen ab Frankreich über die gesamte Fläche die gleiche Steifigkeit aufweisen. Abweichungen von 10 Prozent in beide Richtungen werden akzeptiert. Außerdem muss sich die Unterbodenplatte linear verbiegen.

Um die Anpassungen technisch abzufedern, dürfen die Schleifblöcke dafür größer ausfallen. Sofern der WMSC zustimmt, soll die Fläche 24.000 Quadratmillimeter auf 32.000 Quadratmillimeter vergrößert werden. Die Abnutzung der Unterbodenplatte wird anschließend genauer untersucht.

Damit reagiert die FIA kurzfristig auf die harten Schläge, die die neue Fahrzeuggeneration 2022 mit sich bringt. Langfristig soll das Phänomen des Porpoising, das für einen Teil des Problems verantwortlich ist, aerodynamisch gelöst werden. Auch neue Unterbodenmaterialien - sogar Gummi ist im Gespräch - könnten langfristig Abhilfe schaffen.

Key Facts: Formel 1 Aufschub für Anti-Porpoising-Regeln

  • Komplett neue Technische Direktive
  • Galgenfrist bis Frankreich GP
  • Komplizierte Formel regelt Grenzwert
  • Unterboden-Regeln werden verschärft
  • Keine zusätzliche Strebe
  • WMSC muss Änderungen teilweise absegnen

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